LeserInnenbrief RNZ (nicht abgedruckt)

Zum Artikel "Heidelberg liegt auf seiner Strecke" vom 13. November 2003 über einen weiteren Vortrag Martin Walsers an der Uni Heidelberg.

Im RNZ-Artikel war zu lesen, die Heidelberger Fachwissenschaft könne weder die "inhaltlichen Attacken" noch den "Vorwurf des Antisemitismus" gegen Martin Walser bestätigen und halte am langjährigen Verhältnis fest. Anscheinend nimmt das Germanistische Seminar und die Universität Heidelberg wesentliche Analysen und Kritikpunkte überhaupt nicht wahr, sei es aus "Nibelungentreue" zu Walser oder ideologischen Gemeinsamkeiten. Längst sollte es doch jene Honoratiorenschaft irritieren, wessen Applaus und Zustimmung sich der Schriftsteller Walser ebenfalls sicher sein kann: vom neurechten Spektrum der "Jungen Freiheit" bis hin zu ausgewiesenen Neofaschisten. Walsers Romane enthalten neben offen antisemitischen Anspielungen, wie etwa in "Tod eines Kritikers", gleichfalls Antisemitismus zwischen den Zeilen. "Ohne einander", "Finks Krieg", "Die Verteidigung der Kindheit" und "Ein springender Brunnen" sind durchzogen von mehr oder weniger subtil eingesetzten Stereotypen, die im Zusammenhang latenten Antisemitismus bedienen.
Dies sind keine überzogenen Interpretationen; vielmehr legt der Autor selbst jene Assoziationen nahe. Jene Stereotype und Bezüge funktionieren gerade durch ihren versteckten aber universellen Charakter, den Walser bewusst verwendet.
Wie nationalistisch Walsers Weltbild ist, zeigt sich charakteristisch allein daran, dass er kaum von Gesellschaft, sondern durchweg vom "Volk" als unauflösbarer Schicksalsgemeinschaft spricht. Damit befindet er sich in der Tradition klassisch national-völkischer Deutungsmuster. Walsers volksverbundene Prosa etwa über "geschichtliches Gefühl" (Die Verteidigung der Kindheit) oder einer "politisch tendierenden Schicksalsgenossenschaft" (am 8.5.02 zu Gast bei der SPD) und dergleichen ist Erbauungsliteratur, die Dichter ihrer Nation schenken. Er spricht damit all jenen aus dem Herzen, die anscheinend nur patriotisch denken können und sich aus bekannten historischen Gründen lange Zeit nicht richtig positiv aufs deutsche Kollektiv beziehen konnten oder durften.
Allein dass nur in Umrissen angeführte macht es unseres Erachtens notwendig, sich mit Walser kritisch auseinander zu setzen, statt seinem Nationalismus zu applaudieren. Um an einen Gedanken aus Thomas Manns "Doktor Faustus" anzuknüpfen, sollte Walsers Anhängerschaft vielmehr reflektieren, wie man es sich überhaupt noch herausnehmen kann, sich in menschlichen Angelegenheiten positiv auf "Deutschland" in irgendeiner seiner Erscheinungen zu beziehen - angesichts der durch die Mehrheit getragenen und im deutschem Namen begangenen Barbarei im vergangenen Jahrhundert.
Zur kritischen Lektüre sei beispielsweise empfohlen:
"Geistige Brandstiftung - Die neue Sprache der Berliner Republik" herausgegeben von Johannes Klotz/Gerd Wiegel, Berlin 2001.