(Dokumentation des Flugblatts, das am 13. Januar 2003 verteilt wurde)

Deutschland denken heißt Auschwitz denken

Der Antisemitismus ist salonfähiger, parteiübergreifender geworden" (Paul Spiegel, SZ 16.11.02)

Heute ist es mal wieder soweit: Martin Walser wurde im Rahmen des "Studium Generale" von der Universität Heidelberg eingeladen. Dabei gäbe es genug Gründe, Walser kein Forum mehr zu bieten. Passenderweise trägt die Vortragsreihe den befremdlichen Titel "Sind wir noch das Volk der Dichter und Denker?"; Martin Walser wird über "Sprache und Vokabular" referieren. Dies wird ihm sicherlich leicht fallen, schließlich hat er ja schon oft gezeigt, wie man mit Sprache so spielen kann, dass trotzdem alle verstehen was eigentlich gemeint ist. Walser hatte 1998 mit seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche allen Deutschen aus dem Herzen gesprochen, die angeblich genügend Schlussfolgerungen aus dem Holocaust gezogen haben: "Wenn ich merke, dass sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören, und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, dass öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken" (Walser 1998, "Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede", S.18). Unausgesprochen bleibt, wer instrumentalisiert; weite Teile der deutschen Bevölkerung wissen aber, wer hier gemeint ist und teilen diese Meinung: Juden und Jüdinnen würden den Holocaust dazu benützen, um politisches wie finanzielles Kapital aus ihm zu schlagen - ein klassisch antisemitisches Ressentiments.

Walser fordert die Verlagerung der Erinnerung aus dem kollektiven ins individuelle Gedächtnis; diese Forderung und ein Schlussstrich für öffentliches Gedenken liegen auf derselben Linie. Das geplante Holocaustdenkmal in Berlin ist dann auch Walser zufolge eben nur eine "Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum. Die Monumentalisierung der Schande" (Sonntagsrede, S.20). Solche "Gedankenexperimente" werden selbstverständlich immer falsch ausgelegt, zumal die Medien ohnehin nur "inhaltsleere Meinungsklischees" zulassen und gegen ihn agieren (vgl. Walser 1997, "Ansichten, Einsichten. Aufsätze zur Zeitgeschichte"). Die Taktik ist immer die gleiche: was ihm selbst zufolge nur Sache des privaten Gewissens ist, wird öffentlich verkündet, um danach wieder die Tabuisierung dessen zu beklagen, was eben in aller Öffentlichkeit mitgeteilt wurde.

Walser lanciert seine Auffassung von "Erinnerung" mit Sätzen wie: "Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein normales Volk, eine gewöhnliche Gesellschaft?" (Sonntagsrede, S.20). Die Verdrängung der Vergangenheit wird dabei Mittel zur Erreichung der "Normalität". Walser will Normalität, und stolz auf Deutschland sein; was Stolzdeutsche in der Geschichte angerichtet haben, steht dieser Haltung absolut entgegen, zumal die Bedingungen, die Barbarei zur Normalität werden ließen, keineswegs verschwunden sind. Mit seiner Friedenspreisrede avancierte er zum Stichwortgeber für die extreme Rechte. So druckte beispielsweise die rechtsextreme Wochenzeitung Junge Freiheit (JF) Walser Rede komplett ab (JF 43/98). Auch in den folgenden Ausgaben widmete sich die JF intensiv dieser Debatte, die Walser angestoßen hatte. In der Deutschen Nationalzeitung (DNZ) aus dem Hause des DVU-Vorsitzenden Gerhard Frey wurde die Rede und die anschließende Kontroverse ebenso dankbar aufgenommen und gab reichlich Anlass die "Feinde des Volkes" (Walsers Gegner) zu attackieren. Walsers Friedenspreisrede wurde also - wie nicht nur die beiden angeführten Beispiele zeigen - mit Begeisterung von rechts aufgenommen. Dass Walser deren Titelseiten eroberte, ist nur folgerichtig, traf er damit doch den Kern ihrer Forderungen. Stichwortgeber der äußersten Rechten zu sein kümmert ihn nicht, ebenso beteuert er, nicht missverstanden worden zu sein (vgl. FAZ 14.12.98).

So überraschend neu ist Walsers Nationalismus nicht. Schon 1981 positionierte sich Walser durch die Ehrenrettung Albert Leo Schlageters, die er bis heute verteidigt. Schlageter verübte um 1923 im französisch besetzten Ruhrgebiet Sabotageakte und gilt deshalb als Märtyrer der "deutschen Sache", wofür er noch heute von der Rechten verehrt wird. Walser hält Schlageter "für einen Braven [?] für einen Reinen, für einen, der erzogen wurde, Höherem zu dienen" (Walser 1986, Heilige Brocken, S. 115) - eine Auffassung, die Alt- und Neonazis sicherlich teilen. Über Walsers neuesten Roman "Tod eines Kritikers" bleibt nur festzustellen: Walser, Romancier hin oder her, spielt mit antisemitischen Ressentiments und Bildern, die durchaus nicht zufällig gewählt sind. Selbst Frank Schirrmacher (FAZ) bleibt dann nur bekanntes Urteil: "Ihr Roman ist eine Exekution, [?] ein Dokument des Hasses [?], das Repertoire antisemitischer Klischees ist leider unübersehbar". (FAZ 29.5.02)

Walsers Standpunkte hinderten die SPD nicht daran, gerade am 8. Mai vergangenen Jahres ihn zum befreit patriotischen Talk einzuladen. Walser brauchte sich dabei auch nicht zurückzuhalten, schließlich muss seine Paulskirchen-Rede als eine Art Gründungsmanifest der Berliner Republik interpretiert werden, die sich nicht scheut mit Auschwitz Angriffskriege (Serbien) zu legitimieren bzw. geopolitische Interessen zu verfolgen. Walser dort: "Und lange vor unserer Staatlichkeit waren wir eine deutsche Nation und bitte, nicht nur eine Kulturnation, sondern eine politisch tendierende Schicksalsgenossenschaft" (Walser, Über ein Geschichtsgefühl, in: FAZ 10.5.02). Nation also als mythisches Schicksal, ein überindividuelles, naturgesetzliches "Wir", ein exklusives Blut- und Boden gegen den Rest? Solch ein verklärtes, ahistorisches Nationen- und Geschichtsbild geht selbstverständlich weiter. Walser spricht auch schon lange vom "Versaillesdiktat". "Das Volk als deutsches Volk wurde gedemütigt und ausgeplündert. Von den bürgerlich-feudalen Cliquen der Siegermächte" (Walser 1979, Händedruck mit Gespenstern, S.46). Zum Ersten Weltkrieg meinte Walser am 8. Mai: "Ohne diesen Krieg kein Versailles, ohne Versailles kein Hitler, ohne Hitler kein Weltkrieg Zwei, [?]. Das wichtigstes Glied in der historischen Kette bleibt: ohne Versailles kein Hitler". Diese krasse Behauptung wird in "Über ein Geschichtsgefühl" zwar in gewohnter walserscher Manier relativiert, die Intension bleibt aber augenfällig. Walser gibt mit diesem Gedankengang den Alliierten des Ersten Weltkrieges die eigentliche Schuld am Nationalsozialismus; eine revisionistische Schuldverdrehung, nichts weiter.

Damit wir nicht missverstanden werden: Wir fordern keine Schuldbekenntnisse, die für Walser ohnehin Zeichen nationaler Identifikation und Teil der Bewältigung der Shoah durch ein angeblich geläutertes Deutschland sind. Auschwitz kann nicht "bewältigt" werden, diese allgegenwärtige Wunde gilt es offen zu halten.

Deshalb muss der von Theodor W. Adorno formulierte Imperativ, die gesellschaftlichen Verhältnisse so einzurichten, dass Auschwitz nicht mehr möglich sei, angegangen werden. Dies bedeutet sich gegen rassistisches Denken in Kategorien wie Volk und Nation, gegen das repressive Bedürfnis nach Normalität, gegen deutsches Weltmachtstreben zu stellen. Somit muss der Zusammenhang zwischen Kapitalismus, Nationalstaaten, Rassismus, und Antisemitismus realisiert und kritisiert werden mit dem Ziel, endlich diese unmenschlichen und irrationalen Verhältnisse mit all ihrer Ausbeutung und Entfremdung abzuschaffen.

Antifaschistischer Arbeitskreis an der Uni Heidelberg
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